Review: Blind Guardian – At The Edge Of Time


Ja ich weiß, es ist schon eine Weile her, dass At The Edge Of Time erschienen ist, aber da Blind Guardian ja demnächst eine Dokumentation über eben dieses Album veröffentlichen wollen bietet sich eine Review meiner Meinung nach durchaus an.
Zudem ist es wohl mein persönliches Album des Jahres 2010, warum erkläre ich euch jetzt.
Blind Guardian hatten schon von Anfang an eine gewisse Ausnahmeposition inne.
Waren die ersten Alben noch geprägt von rasantem Speed Metal änderte sich der Sound zusehends zu bombastischeren und ausladenderen Produktionen.
Während die älteren Fans diesen Wandel eher kritisch betrachteten, gewann die Band dadurch eine enorm große und begeisterte neue Fangemeinde.
Mit dem Album At The Edge Of Time wollte man nun Vergangenheit und Moderne vereinen und alte wie neue Fans gleichermaßen zufriedenstellen.
Aus diesem Versuch resultiert eine unglaubliche Vielfalt, die auf diesem Album zu Tage tritt.
Um diese ausreichend darzustellen werde ich im Folgenden auf jeden Song einzeln eingehen.

1. Sacred Worlds
Der Opener des Albums und was für einer.
Ursprünglich wurde er für das Videospiel Sacred 2 geschrieben, Band und Fans fanden ihn jedoch so gut das die Musiker beschlossen ihn in überarbeiteter Form auch auf dem Album zu veröffentlichen.
So wurde dem Song ein neues Intro sowie ein längeres Outro und ein neuer Mittelteil verpasst, was sich hervorragend in das Stück einfügt und es noch eine Spur besser macht als die alte Version.
Zudem begnügt sich die Band nicht mit der Standard-Instrumentalisierung, sondern benutzt ein ganzes Orchester sowie einen Chor für diesen Song.
Das Ergebnis ist in allen Belangen herrausragend und der wohl beste Begin, den man für ein Album wählen kann.

2. Tanelorn
Der zweite Song des Album orientiert sich eher an den älteren Werken und ist dementsprechend wesentlich schneller und härter als der Opener.
Hansi Kürsch zeigt das er jede Lage seiner Stimme immernoch perfekt beherrscht und André Olbrich zeigt wie ein Solo klingen muss.
Über all dem thront ein epischer Chorus, der dem Stück die nötige Eingängigkeit verleiht, die Blind Guardian seit jeher auszeichnet.
Inhaltlich orientiert sich der Song übriges an Michael Moorcocks Werk “The Tale Of The Eternal Champion”.

3. Road Of No Release
Hier wird es schon etwas anspruchsvoller.
Der Song beginnt ruhig mit einem traumhaften Klavier-Intro, dann kommen die Gitarren dazu und geben dem Song gemeinsam mit dem mystischen Text (basierend auf Peter S. Beagles “The Innkeeper’s Song”) eine märchenhafte Atmosphäre.
Diese dauert bis zur zweiten Strophe an, in der das Lied plötzlich Fahrt aufnimmt und sich bis zum abschließenden Höhepunkt immer weiter steigert.

4. Ride Into Obsession
Der schnellste Song den Blind Guardian jemals geschrieben haben ist mit seinen 210 bpm ein echtes Speed Metal-Monster.
Wer glaubt die Band verliere dadurch jedoch an Virtuosität oder Eingängigkeit irrt aber gewaltig.
Ein überaschendes Break und ein unglaublicher Pre-Chorus sorgen für ein Hörerlebnis das man so schnell nicht vergessen wird.
Inhaltlich ist dies der erste von zwei Songs der sich mit Robert Jordan’s “The Wheel Of Time” Saga beschäftigt.

5. Curse My Name
Die erste Ballade des Albums ist gleichzeitig wohl eins der exotischsten Stücke der Platte.
Denn hier kommen unter anderem ein Dudelsack sowie eine Gruppe von Stepptänzerinnen zum Einsatz.
Zudem gibt es im Mittelteil einen leicht an Savatage erinnernden Kanon.
Trotz dieser verschiedenen Elemente wirkt das Lied nie zerfahren oder unstimmig, alles klingt wie aus einem Guss.
Abgerundet wird alles von Hansi Kürschs Gesang über die Schrift “The Tenure Of Kings And Their Magistrates” des Engländers John Milton.

6. Valkyries
Anfänglich hielt ich diesen Song für die erste Enttäuschung der Platte, aber damit lag ich vollkommen falsch.
Tatsächlich ist diese Nummer wesentlich progressiver als der Rest des Albums und braucht deshalb eine längere Zeit um zu zünden.
Wenn es sich jedoch vollständig erschlossen hat entdeckt man ein tolles Stück mit epischen Chören und einem hammer Refrain.

7. Control The Divine
Der zweite Song über John Miltons Werk, diesmal über das bekannte Versepos “Paradise Lost”.
Der Anfang ist majestätisch, der Rest des Songs ebenso wie das Vorgängerstück sehr progressiv und anspruchsvoll.
Allerdings fällt es im direkten Vergleich zu Valkyries etwas ab, ist aber meilenweit von einem schlechten Song entfernt.

8. War Of The Thrones
Die zweite Ballade, die größtenteils von einem Piano und Hansi Kürschs Gesang getragen wird.
Die Lyrics sind sehr emotional und eine perfekte Umsetzung von George R.R. Martins “A Song Of Ice And Fire”.
Im Vergleich zu der vorab veröffentlichten Singleversion gefällt mir diese noch etwas besser, da das Piano der traurigen Grundstimmung mehr Ausdruck verleiht.

9. A Voice In The Dark
Der zweite Song der sich an dem früheren Schaffen der Band orientiert.
Vielleicht ist es sogar einer der härtesten Blind Guardian Songs.
Das Hauptriff ist knallhartes Thrash-Material und auch das Drumming gibt dem Titel eine unglaubliche Wucht.
Zudem gibt es ein unglaublich virtuoses und zugleich melodisches Solo, das den Titel perfekt macht.
Inhaltlich geht es wieder um Martins “A Song Of Ice And Fire”.

10. Wheel Of Time
Der letzte Titel des Albums und gleichzeitig der Höhepunkt der Platte.
Wieder bedienen sich Blind Guardian dem kompletten Prager Philharmonie Orchester inklusive Chor und schaffen so ein Lied, welches an Epik eigentlich nicht mehr zu übertreffen ist.
Immer wieder beschwören die Musiker eine bombastische Soundwand herauf die einen mit offenem Mund dastehen lässt.
Dabei konzentriert sich die Band jedoch nicht nur auf bloßen Bombast sondern webt orientalische Melodiebögen und Instrumente mit in das Stück ein.
Ursprünglich war dieses Stück übrigens für das Orchester-Projekt der Band gedacht, passte allerdings nicht vollständig in das Konzept und wurde so für das Album verwendet.
Textlich dreht sich der Song wieder um Jordans “The Wheel Of Time”.

At The Edge Of Time ist also ein enorm abwechslunsgreiches Album geworden, das die Experimentierfreude der Band einmal mehr unter Beweis stellt und Blind Guardian wieder ein gutes Stück nach vorne bringen dürfte.
Zu empfehlen ist übrigens auch die limitierte Digipack Version, die neben Demos für A Voice In The Dark, Tanelorn und Curse My Name eine Coverversion des Klassikers You’re The Voice, einer spezielle Version von Sacred Worlds auch eine unfassbar gute orchestrale Version von Wheel Of Time beinhaltet.

Das abschließende Fazit: Jeder der etwas mit Power Metal, Metal, Blind Guardian oder geiler Musik anfangen kann muss dieses Album einfach haben.